Es ist ein ganz normaler Dienstag in San Francisco: Ein Software-Ingenieur räumt seinen Schreibtisch aus. Er hat fünf Jahre für den Web-Infrastruktur-Giganten Cloudflare gearbeitet, Auszeichnungen gewonnen, Projekte geleitet. Die Kündigung kam per E-Mail. Der Grund? Nicht schlechte Leistung. Nicht wirtschaftliche Not. Sondern eine Software, die seinen Job günstiger erledigt.

Zur gleichen Zeit, ein paar Kilometer weiter südlich, sitzt ein Team von Ingenieuren des KI-Unternehmens Anthropic in einem Meetingraum und diskutiert ernsthaft und in aller Sachlichkeit darüber, ob man Rechenzentren in die Erdumlaufbahn schießen sollte. Nicht als Gedankenexperiment. Als Geschäftsstrategie.

Willkommen in der Ära der Künstlichen Intelligenz: einer Technologie, in der einige Experten schon die letzte große Erfindung der Menschheit sehen.

Der Kahlschlag auf der Erde: „Agentic AI“

Kürzlich entließ Cloudflare rund 20 Prozent seiner weltweiten Belegschaft. Das klingt nach einer Firma in der Krise. Aber Cloudflare steckt nicht in der Krise. Im Gegenteil. Der Umsatz wächst. Die Aktie hält sich stabil. Die Auftragsbücher sind voll.

Was also passiert hier?

CEO Matthew Prince gab offen zu, was viele Tech-Chefs bisher nur hinter geschlossenen Türen flüstern: Autonome KI-Agenten übernehmen Aufgaben, für die man bisher Menschen brauchte. Nicht irgendwann in der Zukunft. Jetzt. Diese sogenannte „Agentic AI“, die eigenständig Aufgaben plant, ausführt und optimiert, macht ganze Prozessketten und Abteilungen überflüssig.

Man kann sich das wie einen cleveren Assistenten vorstellen, der nicht nur Texte schreibt, sondern auch Code überprüft, Kundentickets bearbeitet, Sicherheitslücken findet und dabei niemals schläft, krank wird oder Urlaub verlangt. Für Unternehmen klingt das nach einem Traum. Für Angestellte und Arbeitnehmervertreter fühlt es sich wie ein Albtraum an.

Das Tückische: Cloudflare ist kein Einzelfall. Es ist ein Vorbote. Das Kalkül ist simpel: Ein KI-Agent kostet einen Bruchteil eines menschlichen Mitarbeiters, macht keine Fehler aus Müdigkeit und lässt sich mühelos skalieren.

Was dabei verloren geht, zählt in keiner Bilanz auf: das institutionelle Wissen eines erfahrenen Mitarbeiters, die kreative Reibung zwischen Menschen, das soziale Netz eines funktionierenden Teams. Diese Werte lassen sich schlecht in Quartalszahlen ausdrücken und werden deshalb oft erst vermisst, wenn sie weg sind.

Griff nach den Sternen: „Orbital Computing“

Während auf der Erde Stellen abgebaut werden, richtet die KI-Industrie ihren Blick nach oben. Weit nach oben.

Anthropic (das Unternehmen hinter dem KI-Assistenten „Claude“) führt Gespräche mit SpaceX darüber, Rechenzentren in die Erdumlaufbahn zu bringen. Das klingt nach Science-Fiction, aber die Logik dahinter ist erschreckend nüchtern.

Moderne KI-Modelle sind unersättliche Stromfresser. Das Training eines einzigen großen Sprachmodells verbraucht so viel Energie wie eine Kleinstadt. Und der Betrieb, also das tägliche Beantworten von Millionen von Anfragen, kommt noch dazu. Die Rechenzentren auf der Erde stoßen an ihre Grenzen. Nicht wegen fehlender Technik, sondern wegen fehlender Energie und vor allem fehlender Kühlung.

Hier kommt der Weltraum ins Spiel.

Im Vakuum des Alls gibt es keine Luft, die erwärmt wird. Satelliten können ihre Wärme als Infrarotstrahlung abstrahlen. Kein Kühlwasser, keine riesigen Klimaanlagen. Gleichzeitig steht im Orbit die Sonne ohne Unterbrechung durch Atmosphäre oder Bewölkung zur Verfügung. Solarenergie im All ist extrem effizient.

Man stelle sich einen gigantischen, selbstkühlenden Supercomputer vor, der in 500 Kilometern Höhe die Erde umkreist und dabei saubere Energie tankt. Das ist die Vision hinter „Orbital Computing“.

SpaceX wäre der perfekte Partner für dieses Vorhaben. Mit der Starship-Rakete hat Elon Musks Unternehmen die Transportkosten in den Orbit dramatisch gesenkt. Natürlich bleiben gewaltige Hürden: Wartung im All ist so gut wie unmöglich. Ein defekter Server in 500 Kilometern Höhe ist kein Serviceticket, er ist ein schwebendes Problem. Hinzu kommen Weltraumschrott und kosmische Strahlung.

Orbital Computing ist im Moment mehr ambitioniertes Zukunftsprojekt als marktreife Lösung. Aber dass führende KI-Unternehmen es überhaupt ernsthaft in Erwägung ziehen, sagt alles über den gigantischen Ressourcenhunger dieser Branche aus.

Big Picture: Die doppelte KI-Revolution

Auf der einen Seite sparen Unternehmen Hunderte Millionen Dollar ein, indem sie menschliche Arbeit durch KI ersetzen. Auf der anderen Seite pumpen genau diese Unternehmen und ihre Zulieferer Milliarden in Infrastrukturprojekte, die buchstäblich über die Grenzen der Erde hinausgehen.

Das ist kein Widerspruch. Das ist ein System.

Die Einsparungen durch KI-Automatisierung finanzieren die nächste Stufe der KI-Entwicklung. Jeder entlassene Mitarbeiter entspricht in gewisser Weise einem winzigen Mosaikstein in einem gigantischen Reinvestitionsplan. Das Kapital wandert nicht weg, es wandert nach oben: Erst in die Cloud und danach womöglich in den Orbit.

Für die Gesellschaft stellt das eine fundamentale Herausforderung dar. Wir stehen vor einer Umverteilung von Ressourcen in historischem Ausmaß. Arbeit, die früher Menschen ernährte, wird durch Maschinen ersetzt. Gleichzeitig entstehen neue Industrien, aber diese brauchen vor allem Unmengen an Kapital und Infrastruktur, keine breite menschliche Mittelschicht.

Ausblick: Was wollen wir wirklich?

Die KI-Revolution ist real, rasend schnell und in vollem Gange. Was Cloudflare gerade tut, werden unzählige andere Unternehmen in den nächsten Jahren nachmachen. Die Agentic AI wird in Kanzleien, Krankenhäuser, Redaktionen und Behörden einziehen.

Orbital Computing mag heute noch nach Zukunftsmusik klingen. Aber vor zwanzig Jahren klang es auch absurd, dass jeder Mensch einen Taschencomputer besitzt, der mächtiger ist als die NASA-Rechner der 90er. Die Technologie holt die Fantasie immer ein.

Was bleibt, ist eine unbequeme Frage: Für wen ist diese Revolution?

Eine Technologie, die Produktivität ins Unermessliche steigert, könnte theoretisch allen zugutekommen. Aber sie kann auch zur größten Umverteilungsmaschine der Geschichte werden: nach oben, zu denjenigen, die die kostspielige Infrastruktur besitzen.

Der Ingenieur, der seinen Schreibtisch räumt, und der Server, der im Orbit kreist, sind zwei Seiten derselben Medaille.

Vielleicht ist die wichtigste Frage der nächsten Dekade nicht: Was kann KI?

Sondern: Was wollen wir, dass KI für uns tut?

Diese Antwort liegt nicht im Orbit. Sie liegt bei uns.